Wertach und Fledermäuse

„Wir spinnen, spinnen immer weiter am Teppich der Welt. Manchmal liegen wir am Boden und knüpfen nur stumpfsinnig irgend welche Knoten, uns fehlt der Plan und das Muster. Manchmal sind wir total versponnen in unserem eigenen Ich. Das Muster, den Sinn, das Schöne sehen wir erst, nachdem wir uns selbst aus dem Dreck erheben.“

© Anita Ludwig

Bildergebnis für wertach abends

10 Jahre haben wir auf unseren ersten Hund gewartet.

Zuvor stand immer etwas im Weg: die Ausbildung, die Arbeit, die Wohnung, der Hausbau, das Geld…

Man musste ja schließlich damit beschäftigt sein, ein vollmündiger Mensch in der Gesellschaft zu werden, durch das eigene Zutun die Wirtschaft stützen, Anerkennung und Erfolg im Beruf zu erhalten und nicht aufhören, sich ständig weiterzubilden. Wo sollte denn da noch Zeit für einen Hund sein?

Aber irgendwann war Schluss mit der Warterei. Nach 10 Jahren als Erzieherin in Vollzeit und ca. 200 Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsdefiziten im Krippen-, Kindergarten- und Schulalter hat sich mein „inneres Kind“ zu Wort gemeldet und mir ziemlich unmissverständlich klar gemacht, dass es so nicht weiter gehen kann.

Nach einem der schwersten Jahre meines Lebens zog ich dann tatsächlich die Reißleine. Statt des freien Sturzflug durch mein Leben konnte ich mir das alles mal langsamer ansehen und mich neu orientieren. Dabei bemerkte ich, dass das Ziel, das ich über die Jahre angesteuert hatte, inzwischen kaltes Grauen in mir hervorrief.

Ich vergebe meinem 20-jährigen Ich dafür, mich auf diesen Weg geschickt zu haben. Wie hätte ich denn damals ahnen können, dass meine soziale Akku-kapazität nach 10 Jahren komplett leer sein würde. Ich mag meinen Job und mein Team sehr, aber es hat mir einfach immer mehr abverlangt, auf dem Niveau zu arbeiten, das ich von mir selbst erwartet habe.

Aber jetzt musste sich was ändern. Aber was?

Und plötzlich fühlte ich mich hilflos. Lange glaubte ich, ich wäre gefangen in den Verpflichtungen, die ich mir selbst ausgesucht hatte: ein eigenes Haus, ein Zweit-Auto, wie sollte man das denn alles aufrecht erhalten, wenn man nicht mehr Vollzeit in die Arbeit geht?

Nun habe ich aber zum Glück den besten Ehemann von allen.

Und so machten wir uns eines Abends kurz nach meinem Zusammenbruch auf, zu einem geschichtsträchtigen Spaziergang entlang der Wertach. Wir sprachen über unsere Zukunft, die Erwartungen und die Möglichkeiten. Wie konnten wir die Situation so ändern, dass sie noch tragbar, aber auch ER-tragbar war?

Und da war sie: die Idee von einem Hund. Ich erzählte davon, wie eine Erzieherin in der Ausbildung zur tiergestützten Therapeutin ein wundervolles Projekt in meiner Gruppe durchgeführt hatte. Ich war sehr beeindruckt von ihr und ihrem Australian-Shepherd-Rüden Dino. Ich würde sehr gerne mit einem Hund leben und diesen auch in meine Arbeit mit einbeziehen. Oder doch vielleicht besser eine Ausbildung zur Kunst-Therapeutin?

Die Idee mit dem Hund schlug sowohl bei mir als auch bei meinem Mann viel schneller Wurzeln.

Ich erinnere mich dran, im Edeka auf einmal vor dem Hundefutter-Regal zu sehen und einen Jumo-Kauknochen einzukaufen. Keine Ahnung warum, ich hatte einfach das Gefühl , es tun zu müssen. Ich hab mir den Knochen plakativ auf eine Kommode ins Wohnzimmer gelegt (da legt er immer noch, weil er abgelaufen und nicht mehr verfütterbar ist, aber wegwerfen werde ich dieses „Symbol der Veränderung“ auch nicht).

Also stellten wir uns selbst eine Reihe von Bedingungen. Sollten wir es schaffen, alle diese Bedingungen zu erfüllen, würden wir uns einen Hund ins Haus holen:

  1. Mein Vater von zwei Häusern weiter erklärt sich bereit, das erste halbe Jahr auf den Hund zu achten, während wir in der Arbeit sind
  2. Meine Chefin und unser Geschäftsleiter sind damit einverstanden, mir „Mutterschaftsurlaub“ zum Sommerurlaub dazu genehmigen und sind später auch einem Hund gegenüber in der Arbeit positiv eingestellt
  3. Wir schaffen es finanziell, dass ich halbtags arbeiten kann
  4. Mein Mann bekommt die Genemigung von seiner Arbeit, einmal in der Woche Home-office zu machen, während ich einen langen Team-Tag in der Arbeit habe
  5. Wir finden einen Züchter, der uns einen Welpen anvertrauen würde und auch zeitlich die Welpen im Sommer abgibt (wegen meines Urlaubs)
  6. ich finde in der Zeit des Überlegens ein vierblättriges Kleeblatt (fragt mich nicht, manchmal spinn‘ ich)

Was soll ich sagen… innerhalb von ein paar Wochen erfüllten sich alle diese Bedingungen.

Mein Vater geht heute noch jeden Tag unter der Woche vormittags mit Ronja, obwohl das halbe Jahr bereits vorbei ist.  Ich habe insgesamt sechs Wochen Urlaub genehmigt bekommen, Zeit für eine Luxus-Eingewöhnung quasi. Und im Kindergarten ist unser Hund von klein auf ein regelmäßiger und willkommener Anblick. Mein Mann bekam eine Beförderung und eine kleine Gehaltserhöhung meinerseits ermöglichte eine Reduzierung meiner Arbeitszeiten so, dass der Hund nicht länger als 5 Stunden am Tag allein sein muss. Und am Dienstag arbeitet mein Mann von zu Hause aus, während ich Team habe. Wir haben drei Züchter besucht, und hätten von allen dreien einen Welpen bekommen. Am Ende hatten wir die Qual der Wahl. Und ich hab zwei vierblättrige Kleeblätter gefunden. Und sogar ein Sechsblättriges, aber das hat mein Patenkind in der Wiese verloren ;).

Und das sind alles nur die großen Zusagen und Zeichen, die ich hier aufzähle.

Bei den Jura-Aussies fanden wir schließlich die Mutter unseres neuen Hundes, eine unglaublich tolle Hündin namens Ivy, die uns von Anfang mit ihrem ruhigen, souveränen und freundlichen Wesen verzauberte.

Und dann, am 11.05.2016 erblickte unsere Ronja das Licht der Welt!

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