365 Tage Ronja

 

Oh Wahnsinn!

Ist wirklich schon ein Jahr vorbei?

Zeit, etwas zu reflektieren…

Bevor wir Ronja bekamen, haben wir uns viel mit anderen Menschen unterhalten. Mit Hunde-Haltern und Nicht-Hunde-Haltern und Nicht-Mehr-Hunde-Haltern.

Ganz oft bekamen wir die Rückmeldung: „Was? Einen AUSSIE!? Hütehund? Bloß nicht!“

Ja aber warum denn nicht?

„Die spinnen!“, „Der bellt 24/7!“, „Der hütet Fahrräder und Jogger!“ , „Der bellt wie ein Irrer, wenn er jemanden durchs Fenster sieht!“, „Der flippt aus, wenn die Kinder mit Rollern fahren!“, „Der flippt aus, wenn wir unser Kind schimpfen!“, „Hast du Schafe? Nein? Dann hol dir keinen Aussie!“

Auf gut Deutsch: Hol dir einen Aussie ins Haus, hol dir Ärger ins Haus!

Uff. Vernichtende Worte. Wo war denn da der tolle Aussie Dino? Der, den ich in einem Therapie-Hund-Praktikum kennen lernen durfte und der in Kind A. wirklich das Beste zum Vorschein gebracht hat? Wo war der Hund, der so vielseitig einsetzbar war, für Pädagogik, Hundesport und Touren in die Berge?

Ich weiß nicht, warum ich trotz der ganzen Hiobs-Botschaften weiterhin einen Aussie wollte. Heute gratuliere ich mir zu dieser Entscheidung. Nicht weil es leicht ist. Sondern, weil es das WERT ist!

Hier warum:

Ronja hat uns als Welpe sehr verwöhnt, das gebe ich zu. Hat nicht viel kaputt gemacht. Der größte Schaden war die Fritzbox, die kaputt ging, weil sie dumm neben dem Wassernapf stand, der dumm neben der Decke stand, auf die Ronja im Decken-training absolut motiviert draufgedonnert ist und so eine dumme Ketten-Reaktion ausgelöst hat.

Aktiv war sie schon immer, aber darauf waren wir gefasst. Der Mix aus Box-Training, „Bleib“-Befehl und Ignorieren hat ganz gut geholfen. Hundeschule, Spaziergänge und Denk-übungen sind natürlich unbezahlbar.

Ronja ist immer schon ein Pummelchen gewesen. Immerhin waren die ersten Worte ihrer Züchterin über sie gewesen: „Des ist die Verfressenste!“ Ok.

Haben wir gut in den Griff bekommen. So lange sich kein anderer Hund ihrem Dummy… Napf… Leckerli… Leckerli-Menschen nähert. Und da sind wir beim ersten Problem. Ronja hütet. Vehement. Ihr Essen. Stecke ich meine Nase in ihren Napf (iiih, Pansen!), dann geht sie zurück, macht Sitz und wartet, bis sie wieder ran darf. Traut sich das ein anderer Hund… VERGISSES! Alter, das ist meins! Verpiss dich! Das ist unser Dummy? Verzupf dich! Der schaut nur so aus wie unser Dummy! Dann verzupf dich erst recht. Jetzt meiner!

Ronja findet Männer mit Hut und Sonnenbrille doof. Oder Käppi. Oder nur Brille. Oder nur Hut. Oder nur Mann. Kommt der daher, und sie hatte keine 30 Sekunden Zeit, sich emotional und sozial auf diese Erscheinung vorzubereiten, gibt’s Ärger. Denn diese Person wird gestoppt. Aussie-Style. Das heißt: Bellen, hinlaufen. Anspringen. Und findet sie, dass ihr Subjekt der Antipathie schwer von Begriff ist, wird auch mal in den Ärmel gezwickt. Großer Schock für S.d.A. (Subjekt der Antipathie) und für Frauchen. Das hat sie ja noch nie getan! Egal, sie tut es, und man muss was dagegen tun.

Auch zu Hause kümmert sich Ronja um eine gute Herzschlagfrequenz. Wird die zu ruhig, findet sie sicher immer einen Nachbarn, der sich grad unheimlich verdächtig hinter zugezogenen Vorhängen bewegt! MELDEN! Sofort! Mit lautem Bellen. Und falls Herrchen und Frauchen schwer von Begriff sind, lieber nochmal lauter bellen! Und die Nachbarn sollen ja auch wissen, dass sich im Haus links grad jemand bewegt hat. Ronja hat alles im Blick. Ihr verpasst NIX!

Dann gibt es da noch die Zecken-Tret-Minen (abgefallene, vollgesaugte Zecken), Flöhe, Pfoten- und Nasenabdrücke an Boden und Fenstern, „Ich-putz-meinen-Po-auf-eurem-Teppich-Spuren!“, Hundehaare… äääh, sorry, Liebesfasern ohne Ende… hatte ich die Nasenabdrücke an Fenstern erwähnt?

Wer bisher gelesen und mitgedacht hat denkt sich jetzt: wo bitte sollte ein Aussie das alles WERT sein?

Bitte, die Antwort kommt jetzt:

Weil sie ein wunderschöner Hund ist. Sie hat zwei verschiedene Augen, eins blau, eins braun, und ich kann mich nie entscheiden, in welches ich jetzt schauen soll. Sie hat ein Steh- und ein Schlappohr, und ich liebe das an ihr so sehr.

Und humorvoll! Sie merkt sofort, wenn ich Quatsch mit ihr mache. Sie versteht, wenn wir im Spiel sind, und wann das Spiel sein Ende hat. Sie grunzt ganz anders, wenn wir albern sind, und kuckt ganz anders, wenn es ernst ist. Sie versteht, worum es geht.

Sie versteht, wie es mir geht. Und selbst wenn es klassisches Rudel-Beschwichtigungs-Verhalten ist: sie spürt, was dran ist. Und steckt ihre Schnauze unter meine Hand, wenn ich grad am Heulen bin. Es ist nicht so, dass sie mich trösten muss … oh nein, das würde den armen Hund ja überfordern. Sie erinnert mich nur dran, was ich für sie bin, und das gibt mir die Energie, zu mir zurück zu finden.

Sie zeigt mir ihre Welt. Schon mal gekuckt, wonach euer Hund so interessiert schnuppert? Schon mal einen Dummy von einem Freund verstecken lassen um diesen gemeinsam mit eurem Hund suchen, und ihr habt keine Ahnung, wo das dumme Ding ist? Schon mal im Wald gesessen, während euer Hund am grasen ist, und einfach mal die Welt angekuckt? Einfach mal genossen, mit niemanden groß reden zu müssen? Einfach mal das Gefühl wertgeschätzt, wie ihr gemeinsam nebeneinander durch die Felder lauft? Als Rudel?

Es macht so viel Spaß, gemeinsam zu lernen. Auf dem Treibball-Seminar zum Beispiel. Noch nie einen so großen Ball gesehen. Schritt für Schritt gearbeitet. Am Ende landet der Ball im Tor. Oh WOW! Das waren wir! Zusammen! Der absoluten HAMMER! Wir freuen uns zusammen! Und wir lernen, was wir ihr vermitteln. Warum geht sie nach vorne und bellt Männer an, die uns begegnen? Huch, haben wir ihr etwa unbewusst den Auftrag dazu gegeben? Tatsache. Ok, was können wir an unserer Kommunikation ändern? Was klappt, was nicht? Auch das herauszufinden, macht Spaß!

Sie spürt, was mir wichtig ist. Schon als Welpe war sie mit mir dabei im Kindergarten und Hort. Dort arbeite ich tag-täglich. Der kleine hyper-begeisterungsfähige Aussie hat noch nie – ich geb mein Wort drauf – noch NIE ein Kind angesprungen. Sie ist einfach wundervoll mit Kindern. Mein 6jähriger Neffe und meine 4jährige Nichte kann ein Lied darüber singen. Sie weiß, was dran ist, auf wen sie zu hören hat und was ich mir von ihr wünsche. Und auch, wenn sie grad eine Pubertätspause einlegen muss, weil es ja sein könnte, dass ein Vater mit Käppi / Brille / dummer Energie reinkommt, bin ich mir sicher, da ist sie richtig. Sie ist toll mit Kindern.

Sie ist so lernfähig! Hat man selbst die richtige Methode gelernt, ihr einen Trick richtig zu vermitteln, hat sie den an einem Tag drauf.

Ich kann mich zu 100% darauf verlassen, dass ich ihr Gesicht im Haustür-Fenster sehen werde, wenn ich nach Hause komme. Dass sie ausflippt wenn ich da bin, und sich dermaßen zusammenreißen wird, um auf ihrer Decke Sitz zu machen, damit ich sie endlich begrüße, weil sie sich „beruhigt“ hat. Sie im Haus kommt, wenn ich rufe. Sie in ihrer Ecke in der Küche liegt, wenn ich koche. Sie den Kater nicht jagt, weil sie versteht, dass ich das oberschrecklich finde. Sie mit mir durch dick und dünn gehen wird.

Das sind nur wenige der Gründe, warum ich einfach so unglaublich froh bin, dass Ronja heute vor einem Jahr auf die Welt gekommen ist.

Wir haben noch viel Arbeit und Training vor uns, aber wir sind auf einem gutem Weg. Und es geht nicht darum, den perfekten Hund zu haben. Sondern darum, sich aneinander immer weiterzuentwickeln.

Und deswegen bin ich zutiefst dankbar, einen Aussie zu haben.

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Wertach und Fledermäuse

„Wir spinnen, spinnen immer weiter am Teppich der Welt. Manchmal liegen wir am Boden und knüpfen nur stumpfsinnig irgend welche Knoten, uns fehlt der Plan und das Muster. Manchmal sind wir total versponnen in unserem eigenen Ich. Das Muster, den Sinn, das Schöne sehen wir erst, nachdem wir uns selbst aus dem Dreck erheben.“

© Anita Ludwig

Bildergebnis für wertach abends

10 Jahre haben wir auf unseren ersten Hund gewartet.

Zuvor stand immer etwas im Weg: die Ausbildung, die Arbeit, die Wohnung, der Hausbau, das Geld…

Man musste ja schließlich damit beschäftigt sein, ein vollmündiger Mensch in der Gesellschaft zu werden, durch das eigene Zutun die Wirtschaft stützen, Anerkennung und Erfolg im Beruf zu erhalten und nicht aufhören, sich ständig weiterzubilden. Wo sollte denn da noch Zeit für einen Hund sein?

Aber irgendwann war Schluss mit der Warterei. Nach 10 Jahren als Erzieherin in Vollzeit und ca. 200 Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsdefiziten im Krippen-, Kindergarten- und Schulalter hat sich mein „inneres Kind“ zu Wort gemeldet und mir ziemlich unmissverständlich klar gemacht, dass es so nicht weiter gehen kann.

Nach einem der schwersten Jahre meines Lebens zog ich dann tatsächlich die Reißleine. Statt des freien Sturzflug durch mein Leben konnte ich mir das alles mal langsamer ansehen und mich neu orientieren. Dabei bemerkte ich, dass das Ziel, das ich über die Jahre angesteuert hatte, inzwischen kaltes Grauen in mir hervorrief.

Ich vergebe meinem 20-jährigen Ich dafür, mich auf diesen Weg geschickt zu haben. Wie hätte ich denn damals ahnen können, dass meine soziale Akku-kapazität nach 10 Jahren komplett leer sein würde. Ich mag meinen Job und mein Team sehr, aber es hat mir einfach immer mehr abverlangt, auf dem Niveau zu arbeiten, das ich von mir selbst erwartet habe.

Aber jetzt musste sich was ändern. Aber was?

Und plötzlich fühlte ich mich hilflos. Lange glaubte ich, ich wäre gefangen in den Verpflichtungen, die ich mir selbst ausgesucht hatte: ein eigenes Haus, ein Zweit-Auto, wie sollte man das denn alles aufrecht erhalten, wenn man nicht mehr Vollzeit in die Arbeit geht?

Nun habe ich aber zum Glück den besten Ehemann von allen.

Und so machten wir uns eines Abends kurz nach meinem Zusammenbruch auf, zu einem geschichtsträchtigen Spaziergang entlang der Wertach. Wir sprachen über unsere Zukunft, die Erwartungen und die Möglichkeiten. Wie konnten wir die Situation so ändern, dass sie noch tragbar, aber auch ER-tragbar war?

Und da war sie: die Idee von einem Hund. Ich erzählte davon, wie eine Erzieherin in der Ausbildung zur tiergestützten Therapeutin ein wundervolles Projekt in meiner Gruppe durchgeführt hatte. Ich war sehr beeindruckt von ihr und ihrem Australian-Shepherd-Rüden Dino. Ich würde sehr gerne mit einem Hund leben und diesen auch in meine Arbeit mit einbeziehen. Oder doch vielleicht besser eine Ausbildung zur Kunst-Therapeutin?

Die Idee mit dem Hund schlug sowohl bei mir als auch bei meinem Mann viel schneller Wurzeln.

Ich erinnere mich dran, im Edeka auf einmal vor dem Hundefutter-Regal zu sehen und einen Jumo-Kauknochen einzukaufen. Keine Ahnung warum, ich hatte einfach das Gefühl , es tun zu müssen. Ich hab mir den Knochen plakativ auf eine Kommode ins Wohnzimmer gelegt (da legt er immer noch, weil er abgelaufen und nicht mehr verfütterbar ist, aber wegwerfen werde ich dieses „Symbol der Veränderung“ auch nicht).

Also stellten wir uns selbst eine Reihe von Bedingungen. Sollten wir es schaffen, alle diese Bedingungen zu erfüllen, würden wir uns einen Hund ins Haus holen:

  1. Mein Vater von zwei Häusern weiter erklärt sich bereit, das erste halbe Jahr auf den Hund zu achten, während wir in der Arbeit sind
  2. Meine Chefin und unser Geschäftsleiter sind damit einverstanden, mir „Mutterschaftsurlaub“ zum Sommerurlaub dazu genehmigen und sind später auch einem Hund gegenüber in der Arbeit positiv eingestellt
  3. Wir schaffen es finanziell, dass ich halbtags arbeiten kann
  4. Mein Mann bekommt die Genemigung von seiner Arbeit, einmal in der Woche Home-office zu machen, während ich einen langen Team-Tag in der Arbeit habe
  5. Wir finden einen Züchter, der uns einen Welpen anvertrauen würde und auch zeitlich die Welpen im Sommer abgibt (wegen meines Urlaubs)
  6. ich finde in der Zeit des Überlegens ein vierblättriges Kleeblatt (fragt mich nicht, manchmal spinn‘ ich)

Was soll ich sagen… innerhalb von ein paar Wochen erfüllten sich alle diese Bedingungen.

Mein Vater geht heute noch jeden Tag unter der Woche vormittags mit Ronja, obwohl das halbe Jahr bereits vorbei ist.  Ich habe insgesamt sechs Wochen Urlaub genehmigt bekommen, Zeit für eine Luxus-Eingewöhnung quasi. Und im Kindergarten ist unser Hund von klein auf ein regelmäßiger und willkommener Anblick. Mein Mann bekam eine Beförderung und eine kleine Gehaltserhöhung meinerseits ermöglichte eine Reduzierung meiner Arbeitszeiten so, dass der Hund nicht länger als 5 Stunden am Tag allein sein muss. Und am Dienstag arbeitet mein Mann von zu Hause aus, während ich Team habe. Wir haben drei Züchter besucht, und hätten von allen dreien einen Welpen bekommen. Am Ende hatten wir die Qual der Wahl. Und ich hab zwei vierblättrige Kleeblätter gefunden. Und sogar ein Sechsblättriges, aber das hat mein Patenkind in der Wiese verloren ;).

Und das sind alles nur die großen Zusagen und Zeichen, die ich hier aufzähle.

Bei den Jura-Aussies fanden wir schließlich die Mutter unseres neuen Hundes, eine unglaublich tolle Hündin namens Ivy, die uns von Anfang mit ihrem ruhigen, souveränen und freundlichen Wesen verzauberte.

Und dann, am 11.05.2016 erblickte unsere Ronja das Licht der Welt!